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Perspectives

StandpunktProduktivität

Wie man eine Organisation sabotiert

Das Sabotage-Handbuch des US-Geheimdienstes von 1944 beschreibt genau die Verhaltensweisen, die in Freigabe- und Vertragsprozessen als Sorgfalt durchgehen.

Eine Frau sitzt am Schreibtisch vor einem Laptop und stützt den Kopf in beide Hände

1944 gab das Office of Strategic Services, der Kriegsnachrichtendienst der USA und Vorläufer der CIA, ein Handbuch für Zivilisten im besetzten Europa heraus. Es ging nicht um Sprengstoff. Es ging um Menschen, die morgens in ein Büro oder eine Fabrik gingen und abends nach Hause, und um die Frage, wie sie von diesem Schreibtisch aus die Kriegswirtschaft des Gegners lahmlegen konnten, ohne aufzufallen. Ein Kapitel heißt „General Interference with Organizations and Production“. Es beginnt nicht mit Werkzeugen, sondern mit Sitzungen.

Wer diese Liste heute liest, erkennt darin nicht den Feind. Er erkennt den eigenen Freigabeprozess.

Acht Punkte aus dem Handbuch

Die Anweisungen für Organisationen und Konferenzen, im Wortlaut:

  1. Bestehen Sie darauf, alles über „Dienstwege“ zu erledigen. Erlauben Sie nie Abkürzungen, um Entscheidungen zu beschleunigen.

  2. Halten Sie „Reden“. Reden Sie so oft wie möglich und so lang wie möglich. Untermauern Sie Ihre „Punkte“ mit langen Anekdoten und Erfahrungsberichten. Zögern Sie nicht, ein paar passende „patriotische“ Bemerkungen einzustreuen.

  3. Verweisen Sie nach Möglichkeit alle Angelegenheiten an Ausschüsse, zur „weiteren Prüfung und Erörterung“. Machen Sie die Ausschüsse so groß wie möglich, nie weniger als fünf Personen.

  4. Bringen Sie so oft wie möglich irrelevante Themen ein.

  5. Feilschen Sie um die genauen Formulierungen von Mitteilungen, Protokollen und Beschlüssen.

  6. Greifen Sie auf bereits beschlossene Themen aus der letzten Sitzung zurück und versuchen Sie, die Zweckmäßigkeit dieser Entscheidung erneut zu hinterfragen.

  7. Plädieren Sie für „Vorsicht“. Seien Sie „vernünftig“ und drängen Sie Ihre Mit-Konferenzteilnehmer, „vernünftig“ zu sein und Eile zu vermeiden, die später zu Verlegenheiten oder Schwierigkeiten führen könnte.

  8. Hinterfragen Sie die Zulässigkeit jeder Entscheidung. Bringen Sie die Frage auf, ob ein solches Vorgehen in den Zuständigkeitsbereich der Gruppe fällt oder ob es mit der Linie einer höheren Ebene kollidieren könnte.

Ein zweites Kapitel richtet sich an Führungskräfte. Dort steht die Anweisung, Verfahren und Freigaben zu vervielfachen, sodass drei Personen zustimmen müssen, wo eine genügen würde. Daneben: Papierarbeit auf plausible Weise vermehren. Endlos nachfragen und Anordnungen „missverstehen“. Und, als Nummer vierzehn, alle Vorschriften bis zum letzten Buchstaben anwenden.

Quelle: United States, Office of Strategic Services, Simple Sabotage Field Manual, 1944.

Der Trick ist die Ununterscheidbarkeit

Das Handbuch erklärt seine eigene Methode, und dieser Teil ist interessanter als die Liste. Die Verfasser unterscheiden zwischen Sabotage, die etwas zerstört, und einer zweiten Art, die ohne jedes Werkzeug auskommt.

Der Saboteur soll herausfinden, welche Fehlentscheidungen in seinem Betrieb ohnehin vorkommen, und seine Sabotage so anlegen, dass sie diese Fehlerspanne vergrößert. Nicht neue Fehler erfinden, sondern vorhandene ausdehnen. Deshalb funktioniert das Verfahren: Jede einzelne Handlung auf der Liste ist für sich genommen vertretbar. Niemand kann Punkt 7 widerlegen. Vorsicht ist eine Tugend, Wortlautgenauigkeit ist mein Beruf, und die Frage nach der Zuständigkeit ist im Gesellschaftsrecht regelmäßig die richtige. Die Sabotage liegt nicht im Verhalten. Sie liegt in der Menge und im Zeitpunkt.

Was das im Vertragsprozess kostet

Übersetzt in den Alltag eines Unternehmens, das Verträge schließt, sieht die Liste so aus.

Der Dienstweg

Ein Angebot durchläuft Vertrieb, Rechtsabteilung, Einkauf und Geschäftsführung, jede Station mit eigener Wiedervorlage. Niemand ist gegen Freigaben. Nur zählt selten jemand, wie viele es sind, und noch seltener, was die Zeit zwischen den Stationen kostet.

Der Ausschuss

Eine Klausel, über die zwei Leute in zehn Minuten entscheiden könnten, wandert in einen Lenkungskreis mit sieben Teilnehmern und festem Sitzungsrhythmus. Das Handbuch verlangt Ausschüsse von nie weniger als fünf Personen, und der Grund dafür ist nicht die Zahl, sondern die Verteilung: In einer Runde dieser Größe trägt niemand die Entscheidung allein, und wer sie tragen könnte, sitzt oft gar nicht am Tisch.

Das Feilschen um Formulierungen

Zwei Rechtsabteilungen tauschen sechs Redline-Runden über eine Haftungsklausel aus, die am Ende nach deutschem Recht ohnehin an der AGB-Kontrolle scheitert. Die Runden waren nicht falsch, sie waren an der falschen Stelle. Was tatsächlich über die Haftung entscheidet, ist meistens die Leistungsbeschreibung, und über die redet in diesen Runden niemand. Warum das so ist, steht im Beitrag „Warum Verträge an der Leistungsbeschreibung scheitern“.

Das Wiederaufrollen

Eine Klausel war in Runde zwei entschieden. In Runde fünf steht sie wieder auf der Liste, weil ein neuer Teilnehmer dazugekommen ist und die Entscheidung nirgends festgehalten wurde. Das ist Punkt 6, und er ist der teuerste, weil er die Arbeit aller vorherigen Runden entwertet.

Die Vorsicht

Jede Abweichung vom Muster wird zum Grundsatzthema erklärt. Das Ergebnis ist kein sicherer Vertrag, sondern ein nicht geschlossener. Der Rückfall aufs Gesetz ist manchmal teurer als die angreifbare Klausel, aber diese Rechnung stellt in solchen Runden selten jemand auf.

Was das Unternehmen dabei verliert, ist nicht nur Zeit. World Commerce & Contracting beziffert den Wertverlust aus Verträgen auf durchschnittlich 8,6 Prozent des Vertragswerts, und die Mehrzahl der dort genannten Ursachen liegt nicht im Vertragstext, sondern in Übergaben, Zuständigkeiten und Nachverfolgung, also genau in dem Feld, das dieses Handbuch beschreibt. Zur Belastbarkeit dieser Zahl und zu ihren Grenzen: „Vertragsmanagement entscheidet über Ihre Marge“.

Die Umkehr

Das Denkmodell hinter dem Handbuch heißt Inversion. Statt zu fragen, wie ein Prozess gelingt, fragt man, wie er zuverlässig scheitert, und arbeitet dann rückwärts. Die Frage „Wie machen wir unsere Vertragsfreigabe schneller?“ produziert Absichtserklärungen. Die Frage „Wie würde ich diese Freigabe lahmlegen, wenn ich es darauf anlegte und nicht auffallen dürfte?“ produziert eine Mängelliste, und zwar in zehn Minuten und ohne Berater.

Der Grund ist einfach: Scheitern lässt sich konkreter beschreiben als Gelingen. Ein Nachrichtendienst, der einer ganzen Bevölkerung eine Anleitung in die Hand geben musste, konnte sich keine Absichtserklärungen leisten.

Wo die Analogie endet

Ich mache die Hälfte dieser Liste beruflich. Ich feilsche um Formulierungen, ich plädiere für Vorsicht, und ich frage nach der Zuständigkeit, weil eine Unterschrift ohne Vertretungsmacht ein echtes Problem ist. Wer aus diesem Beitrag mitnimmt, Prüfung sei Sabotage, hat ihn falsch gelesen, und ich hätte ihn dann schlecht geschrieben.

Der Unterschied liegt in einer einzigen Frage: Dient dieser Schritt der Entscheidung oder ihrer Verzögerung? Ein sechsstelliges Haftungsrisiko rechtfertigt sechs Redline-Runden. Eine Standardbestellung über 4.000 Euro rechtfertigt sie nicht, und sie durchläuft in vielen Unternehmen trotzdem denselben Weg. Das Handbuch von 1944 setzt genau hier an: Es verlangt nicht, dass man Unsinn tut, sondern dass man Sinnvolles unterschiedslos auf alles anwendet.

Zugeben muss ich außerdem: Der Vergleich hinkt an einer Stelle. Der Saboteur will schaden, die Kollegen in der Freigabeschleife nicht. Das macht die Wirkung nicht kleiner, aber es verbietet den Vorwurf. Wer diese Muster mit Schuldzuweisungen angeht, bekommt sie nicht weg, sondern nur in eine höflichere Form.

Vier Stellschrauben

Keine dieser Maßnahmen ist neu, und keine ist teuer. Sie fallen nur selten jemandem ein, weil die Frage üblicherweise lautet, wie man besser wird, und nicht, wie man sich selbst am zuverlässigsten aufhält.

Quelle: Poleacov, P. (2026). Wie man eine Organisation sabotiert. INN.LAW. https://inn.law/perspectives/sabotage/